Andacht zum Sonntag Lätare in der Ev. Christuskirche Lohmar

Lesepredigt zum Videogottesdienst am Sonntag, 22. März 2020 in der Ev. Kirchengemeinde Lohmar zum Sonntag Lätare

Liebe Leser, Zuhörer und Zuschauer,

wir hören in diesen Tagen viele Worte. Worte aus dem Mündern der politisch Verantwortlichen, aber auch Worte von Wissenschaftlern, von Medizinern, Virologen und Epidemiologen. Und wir hören ihre Worte in Zeiten einer großen Not, die uns getroffen hat: Die Pandemie mit dem Coronavirus.

„Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“

Mit  diesen klaren und  eindringlichen Worten wandte sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel am vergangenen Mittwochabend an die deutsche Bevölkerung. Sie und viele andere versuchen uns mit allem Ernst zu vermitteln, dass die Menschheit zur Zeit vor der „größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ steht.

Auch wenn die wenigsten wissen können, welche Herausforderung Zeiten des Krieges mit sich bringen, die täglichen Nachrichten aus allen Teilen dieser Erde malen uns die Herausforderung vor Augen.

Das Coronavirus ist da und es heißt, bis zu 70 % der Erdbevölkerung wird daran erkranken.  In diesen Tagen geht es darum, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Wir hören von täglich neu gefassten Regelungen, die das öffentliche und auch kirchliche Leben weitgehend zum Stillstand gebracht haben.

Was kann ich tun?

Von Bruder Frere Roger, dem Begründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé habe ich zwei christliche Haltungen gelernt, die zusammen gehören:

„Kampf und Kontemplation“

Kampf – das heißt, jeder einzelne kann etwas tun. Und wenn dieses Tun bedeutet:  Bleibt zu Hause! Es ist ein Appell zur Disziplin und Eigenverantwortung. Unter Beachtung der Handlungsanweisungen und Hygienevorschriften ist vielleicht auch mehr möglich. Sie können aufmerksam von sich wegsehen und auf die Menschen schauen in ihrer unmittelbaren Umgebung: Wer braucht vielleicht Unterstützung?

Wem kann ich mit der gebotenen Distanz ein gutes Wort sagen oder eine liebevolle Geste zeigen. Oder sie helfen mit, bei Initiativen wie „Lohmar hilft“. Phantasie ist gefragt. Das ist der Kampf, die tätige Liebe im Alltag, die sich nicht abfindet mit der Welt, wie sie ist.

 Das zweite: Kontemplation – Spiritualität – Gebet

Wir brauchen Mut, wir brauchen Kraft und Trost. Wir brauchen etwas, über das wir nicht aus uns selber heraus verfügen. Worte, die auf der Reise sind durch die Zeit.

Vor langer Zeit im Namen Gottes gesprochen und aufgeschrieben von dem Propheten Jesaja (Jesaja 66,10-14)

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

2. Bildgewaltige Worte „ihr dürft saugen und euch satt trinken an den Brüsten des Trostes“. Bei dem letzten Wort bin ich hängen geblieben: Trost! Vielleicht auch, weil ich Trost brauche, mehr als alles andere in dieser Zeit. Vielleicht geht es ihnen auch so?!   Sie brauchen Trost.

Trost – vielleicht nicht so sehr, weil sie bereits an dem Virus erkrankt sind und Angst haben, wie die  Krankheit bei Ihnen verlaufen wird.

Trost – vielleicht, weil  ihre Emphatie, ihr  Mitleiden  mit den vielen Menschen die bereits getroffen sind von der großen Not, nicht mehr auszuhalten ist?

Trost – aber ganz bestimmt, weil wir die Erfahrung machen möchten,  dass wir in all dem, was uns widerfährt, nicht alleine sind.

Trost gehört zu den Freuden des Lebens, die ich mir nicht selbst geben kann.

Der beste Trost ist immer, nicht alleine zu sein, nicht alleine tragen zu müssen, sich aussprechen zu können und sich getragen zu wissen.

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Der Satz ist über 2.500 Jahre alt. Erstmals gesprochen und dann aufgeschrieben in der Zeit zwischen 521 und 510 vor Christus an die aus dem Exil heimgekehrten Juden.

Heimkehr –  was so gut klingt hatte seine Schattenseiten, damals:

Der Tempel in Jerusalem war zerstört, die Stadtmauern waren geschliffen, es kam zu Auseinandersetzungen mit der im Land verbliebenen Bevölkerung, es gab Versorgungsengpässe bei Nahrungsmitteln und Wohnraum. Den Älteren unter uns, kommt das bekannt vor. Heimkehr -Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg. Zur Zeit läuft in der ARD ein dreiteiliger Fernsehfilm, der Geschichten aus dieser Zeit erzählt: „Unsere wunderbaren Jahre“

Es war keine dieser Zeiten eine rosige Situation. Auch heute nicht. Hier hinein spricht Jesaja die Worte über das zukünftige Heil.

„Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach.

Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.“ (Jesaja 66,11-13)

Wir hören diese Worte, während die Zahl der Infizierten und der Verstorbenen steigt – und es ist völlig unklar, wie sich die Situation weiter entwickeln wird. Was werden wir heute noch zu Hören bekommen: Ausgangssperre –   Noch weitere Einschränkungen unserer Lebensmöglichkeiten?

Auf jeden Fall die Worte des Trostes durch den Propheten Jesaja.

3.

a) Wir sollen Trost finden bei einer Stadt, die mütterliche Aufgaben übernimmt. Ja, genau solches erleben wir. Hilfspakete auf unterschiedlichen Ebenen werden geschnürrt, auf Bundesebene sogar  in Milliardenhöre. Wir hören das Versprechen der Verantwortungsträger: „Wir lassen Euch nicht allein!“

Und das wollen auch die Menschen zur Erfahrung werden lassen in unserer Stadt: „Lohmar hilft!“ So nennt sich diese Intitiative zur Nachbarschaftshilfe in unserer Stadt. Trost ohne Milliardenpakete, aber durch tatkräftige Liebe an den  Mitmenschen.

b) Frieden und Wohlstand.

Haben wir noch. Aber vergessen wir nicht bei der aktuellen Not durch die Pandemie, die Not der Vielen, die auf der Flucht sind aus Situationen von Krieg, Naturkatastrophen und anderen Nöten.  Bei Gott, nicht alle Menschen leben in Frieden und Wohlstand. Ihnen und uns wird Trost versprochen, wo und wann sie ihn nötig haben. Wie eben eine Mutter tröstet. Mütterlicher Trost trifft den Schmerz, schenkt Geborgenheit. So haben wir es hoffentlich alle einmal erlebt durch unsere leibliche Mutter. So tröstet Gott. Wir dürfen mit allen Schmerzen zu ihm kommen, nichts ist für ihn banal; wir dürfen zu ihm kommen auch mit den Schmerzen, die wir selbst verschuldet haben. Ja, so dürfen wir den Propheten und so dürfen wir Jesus verstehen:  unser Alltag ist der Ort von Gottes Trost und Fürsorge.

Daran müssen wir immer wieder erinnert werden, gerade in Notzeiten, wie diesen. Sie hören täglich die Glocken der christlichen Kirchen. Unsere evangelische Christuskirche läutet um 7 Uhr in der Früh, um 12 Uhr am Mittag und um 18 Uhr in der Abendstunde. Die Glocken haben eine Botschaft. Haltet Inne, einen Augenblick nur: Kontemplation – Gebet.

Haltet Euch Gott hin, erzählt ihm von Eurer Not oder noch besser von der Not Eures Nächsten. Erbittet und erfahrt Gottes Trost. Nein nicht irgendwann in der Zukunft. Keine Vertröstung auf den Nimmerleinstag. Und wenn die Welt auch noch nicht so ist, wie sie uns Jesus vor Augen gemalt hat -das Reich Gottes.

Es ist schon erfahrbar -bruchstückhaft ja, aber zum Beispiel immer dann, wenn ich im Angesicht meines Nächsten einen Bruder, eine Schwester erkenne und ich danach trachte, ihm Gutes zu tun. Eben, wie eine Mutter liebt, unbedingt, bergend, tröstend, mutmachend, aufrichtend. Bin ich Gott? Nein, sind wir nicht. Wahrlich nicht. Aber er ist in uns und mit uns und in allem, was wir reden und tun. Auf geheimnisvolle Weise. Diese Gewissheit zieht wie ein roter Faden durch die Predigten und das Handeln Jesu. Wenn wir ihm nachfolgen, und das heißt in der derzeitigen Passionszeit, auch seinem Leiden an der Welt nachfolgen, dann werden wir den Trost und die Kraft des Heiligen Geistes erfahren. Und die Erfahrung machen, dass christliches Leben ein Ziel hat; ein Ziel außerhalb von uns selbst, außerhalb dieser Welt. Ein Ziel, das wir nicht aus eigener Kraft erreichen können und trotzdem erreichen werden. Ein Ziel, das unser Hoffen und Vertrauen prägen möchte. Ein Ziel, das Kraft gibt und mich tröstet bei vielem, was mich in meinem Leben, in der Welt traurig machen kann. Und dieses Ziel, das Reich Gottes, hat mit Jesus schon begonnen, mag es auch klein sein wie ein Samenkorn. Wenn ich das nicht immer wieder vergessen würde, bliebe ich in allen Krisen gelassener und würde auch die Spuren von Gottes Wirken erkennen.

Eine ermutigende Perspektive, die Martin Luther King so formuliert hat: „Ich möchte, dass ihr wisst: Wir werden Gottes Reich erreichen. Daher bin ich heute glücklich. Ich mache mir über nichts Sorgen. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.“

Auch wenn wir das Reich Gottes nicht allein verwirklichen können, sind wir doch zur Mitarbeit eingeladen. Der Zweck der Kirche liegt nicht darin, Kirchen zu bauen, sondern das Reich Gottes.

Das gilt auch in diesen Tagen mit dem, was jetzt notwendig ist zu tun. Unser kirchliches und gemeindliches Handeln darf also nicht zu klein gedacht werden, denn Gott hat  mit uns Großes vor.

Amen.